Stepen

Stepen vor 1945 und heute
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Grußkarte aus Stepen von vermutlich 1930 mit nachstehender Rückseite

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Die Karte wurde am 6.5.1936 für 6 Pfennige ins Schülerheim nach Jastrow gesandt

Chronik des Dorfes
Bereits 1408 wird Stepen als Dorf im späteren Hinterpommern erwähnt; wann allerdings die ersten Siedlungen entstanden sind, ist nicht überliefert; es ist aber anzunehmen, dass noch vor 1408 die ersten Siedlungen gegründet wurden.
Das Gebiet zwischen Hinterpommern und Polen war aufgrund der geologischen Lage und der allgemeinen Unsicherheit sehr dünn besiedelt - der Boden war sandig, das Land bewaldet bzw. verbuscht und mußte für den Ackerbau erst aufbereitet werden; außerdem herrschte in der Gegend das Raubrittertum, so dass Überfälle und Plünderungen an der Tagesordnung waren.
Die (Grenz-)Siedlung Stepen lag eigentlich außerhalb Hinterpommerns, kam aber im 17. Jh., ein Datum ist nicht bekannt, durch einen Grenzvertrag zwischen 2 Fürsten zu Pommern; allein durch die seelsorgerische Betreuung waren die damaligen Einwohner eher nach Westen ausgerichtet - Weiteres siehe unter "Kirche".
Durch die "Schlesischen Kriege" im 18. Jh. hatte Stepen viel Not und Elend erfahren - mühsam Erreichtes wurde zunichte gemacht. Vom Osten her kamen die Russen mit ihren Kusaken, plünderten, brandschatzten und dransalierten die Bevölkerung. Als sich die Russen geschlagen zurückziehen mußten, gab es in Stepen weder Korn, Heu und Stroh, noch Pferde, Kühe und Schafe, alles wurde mitgenommen. Das Jahr 1761 war damals für die Stepener ein Alptraum: als sie den Russen nichts mehr geben konnten, wurden sie verprügelt und der Hausrat zerstört.
Erst nach dem Friedensschluß zwischen Rußland und Preußen 1762 kümmerte sich König Friedrich II (der Große oder auch Soldatenkönig) um Hinterpommern, so dass auch Stepen im pommerschen Randgebiet davon profitierte: Die Bauern konnten wieder über Saatkorn und Pflanzgut sowie Nutzvieh verfügen und die Bevölkerung mit Nahrungsmitteln versorgen; denn eine zufriedene Bevölkerung war auch ein guter Schutz gegen Eindringlinge vornehmlich aus dem Osten.
Neues Unheil brach auf Stepen herein, als Napoleon I im Zuge des Rußlandfeldzuges bis nach Moskau auch Stepen in den Jahren 1812/13 nicht verschonte. Mühsam Aufgebautes nahmen seine Soldaten in Anspruch und scheuten auch nicht vor Menschenopfern zurück - eine Ehrentafel in der Kirche zeugt von diesen Opfern. In der Folgezeit erholte sich das wirtschaftliche Leben in Stepen wieder.
Eine Feuersbrunst 1855 machte mühsam Erreichtes wieder zunichte, da fast die Hälfte von Stepen niederbrannte; ob die Kirche vom Feuer verschont blieb, ist an keiner Stelle erwähnt.
Die Verkehrsanbindung von Stepen wurde 1906/07 mit dem Bau einer Straße nach Drensch, Porst und weiter nach Bublitz verbessert worden; 1912 kam eine weitere Straße nach Schönau hinzu. Stepen war und ist nur auf dem Landwege erreichbar, weder eine Schienenanbindung noch ein schiffbarer Fluß ist in der Nähe.
Der 1. Weltkrieg 1914/18 forderte von Stepen einen Blutzoll von 16 tapferen Kameraden.
1939 ergab die Volkszählung in Stepen 335 Einwohner - der überwiegende Teil war in der Landwirtschaft tätig, viele davon auf dem Gut - mehr darüber siehe "Rittergut" weiter unten.
1921 kam das elektrische Licht nach Stepen; zuerst für das Rittergut und die Schule und 1926 für das ganze Dorf.
Hinweis zur obigen Grußkarte aus Stepen:
Stepen gehörte bis 1932 zum Kreis Bublitz (s. auch obige Grußkarte von vermutlich 1930); laut Neustettiner Nachrichtenblatt Nr. 77 vom 5.10.1932 wurden mit Wirkung vom 1. Oktober 1932 die Gemeinden Bischofthum, Drensch, Grumsdorf, Kasimirshof, Linow, Sassenburg und Stepen dem Kreis Neustettin zugeordnet (Quelle: Uwe Thiel, Vors. des HKA Neustettin).


Wird fortgesetzt!


Folgende Fragen müssen noch geklärt werden: Anzahl der Siedlungen/Bauern im Jahre der Grüdung 1408? Einwohnerzahl und Bevölkerungsstruktur 1939 bis 1945?




Dorfplan vor 1945
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Dorfplan von Stepen aus der Zeit vor 1945 - aus dem Fundus von Walter Mertins.


Kirche in Stepen seit 1579


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Kirche in Stepen - Repro aus Grußkarte von 1930 Fachwerk und Holzverkleidung teilweise original, 2018


Erbaut wurde eine Kirche in Stepen bereits 1579 - ob es die jetzige schon war, ist nicht überliefert - es ist aber leicht anzunehmen, dass es die ursprüngliche war, die auch beim Brand 1855 wahrscheinlich verschont blieb; sie wurde als Fachwerkkirche erbaut in den Maßen 18 x 26 m und in der Folgezeit mehrfach erneuert. Die noch jetzt erhaltene Feldsteinmauer rund um die Kirche umrahmte auch den alten Friedhof an der Kirche; die Fertigstellung dieser Mauer währte von 1831 - 1863, so steht es in der Chronik des Dorfes.
Seelsorgerisch gehörte Stepen zum Nachbarort Kasimirshof, Schutzpatron war immer der jeweilige Besitzer des Rittergutes, welcher somit auch das Lehen innehatte - erwähnt sei hier der hohe Offizier Friedrich Wilhelm von Zarth im 18. Jh. (s. auch über das Rittergut).
Im Turm der Kirche waren eine kleine und eine große Glocke untergebracht, die per Seil zum Tönen gezogen wurden - Inschriften sind nicht bekannt (In der Regel sind die Stifter der Glocken in der Umschrift genannt).
Auf der rechten Seite der Empore befand sich auch eine kleine Orgel, die meistens vom Lehrer gespielt wurde, was auch zum Lehramt gehörte. Desgleichen mußte der Lehrer auch die Notgottesdienste halten, wenn der Pastor aus Witterungsgründen oder Krankheit verhindert war.


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Innenansicht der Kirche, vermutlich um 1930 - Foto spiegelverkehrt - aus dem Fundus von Walter Mertins


Schule


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Schule um 1930 - Repro aus Grußkarte v. o. Ehem. Schule 2018, jetzt Geschäft, Foto KW


Seit wann es in Stepen eine Schule gab, ist nicht überliefert. Da die Kirche bereits 1579 gebaut wurde, ist anzunehmen, dass im gleichen Jh. auch eine Schule gebaut wurde, und diese meistens in der Nähe der Kirche, so auch in Stepen. Allerdings wurde aus Kostengründen zunächst eine Schulstube in einem bewohnten Haus eingerichtet, in der der Unterricht aufgenommen wurde. 1816 wurde in Stepen wieder ein Schulhaus gebaut, welches zur Hälfte an einen Tagelöhner vermietet war; die Schulstube hatte geringe Ausmaße und war spartanisch eingerichtet - für eine Lehrerwohnung war zunächst kein Platz. Erst 1845 wurde die Tagelöhnerwohnung zur Schulstube umgewandelt und der Lehrer erhielt die andere Hälfte des Gebäudes als Lehrerwohnung. Die Schülerzahl war inzwischen auf über 50 Schüler/innen angestiegen, so steht es in der Schulchronik.
Doch der Hausschwamm hatte das Gebäude befallen, so dass es 1876 wegen Gesundheitsgefährdung der Schüler geschlossen werden sollte; eine Reparatur wurde verworfen, die Schulgemeinde entschloß sich noch im gleichen Jahr für einen Neubau.
Bisher hatten die Schulpatronen (Rittergutsbesitzer und Pastor) die Baukosten nur für das Baumateriel getragen, die Bauarbeiten selbst mußten im Rahmen des Lehens über die "Hand- und Spandienste" von der Schulgemeinde getragen werden.
1879 wurde der Schul-Neubau im alten Schulgarten gegenüber der Kirche begonnen und noch im gleichen Jahr bezogen - es ist das oben abgebildete Gebäude aus der Grußkarte um 1930.
Das alte Schulgebäude wurde abgebrochen, das gewonnene Baumaterial verkauft und das ehemalige Bau- Grundstück als Schulgarten renaturiert.
Der Lehrer hatte nunmehr auch einen angemessenen Wohnraum für sich und seine Familie.
Für den Lebensunterhalt mußten die Lehrer immer selbst sorgen: 1. Schulgeld von den Eltern; 2. Naturalabgaben (Getreide, Stroh, Heu, Kartoffeln usw.) von den Bauern und 3. Erträge aus dem Schulacker. Dazu kam noch etwas Kirchgeld hinzu, wenn der Lehrer das Organistenamt innehatte und die Notgottesdienste abhielt.
Erst mit Aufhebung der Leibeigenschaft wurde das Schulgeld abgeschafft und der Lehrer erhielt ein Fixgehalt aus der Staatskasse, das Patronat war Vergangenheit und der Lehrer hatte einen neuen Vorgesetzten, den Königlich Preußischen Kreisschulinspektor.
Die Stepener Schule war einzügig mit 8 Klasssen und in der Regel mit einem Lehrer besetzt. Die Schülerzahl pro Jahrgang betrug fast konstant 50 Schüler und Schülerinnen.
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Klassenfotos von 1910 und 1936 mit jeweils einem Hauptlehrer und einem Gehilfen


Das Rittergut


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Wappen des Rittergutes Stepen Das Herrenhaus mit seinen 6 Gespannen


Aus einem "Großen Hofe" in Stepen wurde 1698 ein Rittergut und als erster Besitzer wird Adam Henning von Kameke genannt, so steht es in den Aufzeichnungen von Walter Mertins, einem Zeitzeugen aus Stepen - wer der Lehensgeber war, ist nicht vermerkt. Nun aber hatte das Dorf einen Patron und es entwickelte sich fortan weiter um das Gut herum.
1700 verstarb Herr von Kameke und die Familie von Zarth übernahm das Gut; ob nun mit oder ohne Lehen, ist nicht überliefert. Vor allem Friedrich Wilhelm von Zarth, ein hochdekorierter Offizier, hatte sich um das Dorf verdient gemacht. Er fiel allerdings 1741 im 1. Schlesischen Krieg und wurde mit einer Gedenktafel in der Stepener Kirche geehrt.
Nachdem das Geschlecht der von Zarth ausgestorben war, residierten verschiedene Besitzer auf dem Gut in Stepen, so in kurzer Folge die Familien von Sommnitz, von Gottberg, von Glasenapp, von Zamory, von Röden, von Deetz, Pächter Reinke, Familie Dörschlag und weitere. 1919 übernahm Major Kurt Piltz den Herrensitz und bewirtschaftete das Gut bis 1945.


Wirtschaft und Handwerk
Die Entwicklung von Wirtschaft und Handwerk orientiert sich immer am Bedarf und wurde somit auch in Stepen vom Wachstum der Einwohner gesteuert.
Alleine das Rittergut brachte viele Einwohner in Brot und Lohn und zog weitere Ansiedlungen nach sich. Der Wege- und Straßenbau am Beginn von 1900 förderte die Erreichbarkeit des Dorfes und damit auch den Handel mit den landwirtschaftlichen Gütern; ein weiterer Faktor war die Elektrifizierung des Dorfes 1926.
Neben dem Rittergut gab es bis 1945 15 Bauernhöfe, 1 Gasthaus mit Geschäft, 1 Schmiede, 1 Tischler, 1 Schuhmacher, 1 Mühle, 1 Brennerei, 1 Schäferei sowie diverse Kleinbauern und Tagelöhner. Vermutlich hatte das Gut seine eigenen Handwerker.


Dorfleben und Brauchtum


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Krippenspiel 1932 Letzte Konfirmation Ostern 1944


Ein verschlafenes Nest war Stepen wohl nicht. Man blieb zwar im Dorf und versuchte, das Beste daraus zu machen - mal eben schnell irgendwo hin wo was los war, gab die Mobilität derzeit nicht her.
Es gab genug Anlässe zum Feiern: Geburt, Taufe, Schulentlassung, Konfirmation, Verlobung, Hochzeit und letztlich Beerdigung - eingeladen waren nicht nur die Verwandten, sondern das halbe Dorf. Die kirchlichen und staatlichen Feiertage boten Gelegenheit zum Ausspannen nach der schweren Arbeit. Der idyllisch gelegene Dorfsee lud zum Baden ein, eine Fußballmannschaft konnte sich mit anderen Dorfklubs messen, eine Theatergruppe der Schule sorgte für etwas Kultur und sicher gab es im Gasthaus auch Tanzveranstaltungen und Filmvorführungen.


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Baden und Waschen im Dorfsee Bauer Ramlows Hochzeit 1931


Flucht


Wird fortgesetzt!


Quellenangaben: Walter Mertins, "Erinnerungen an Stepen" - mit der Erlaubnis, alles zu verwenden!

Werner Stein, "Kulturfahrplan" der Deutschen Buchgemeinschaft 1954

Zusammengestellt von Klaus Wendlandt, s. Impressum



Stepen/Stepien nach 1945


Entwicklung des Dorfes


Kirche
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Kirche, gut gepflegt - Foto von Walter Mertins 2013 Gleicher Anblick von 2018 - Foto Klaus Wendlandt


Schule

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Aus der ehemaligen Schule ist ein Geschäft geworden - ob es noch eine Schule in Stepien gibt, ist fraglich.


Besuch in Stepen/Stepien Herbst 2018


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Weg hinunter zum Dorfsee Der idyllisch gelegene Dorfsee im "Herbstkleid"


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Olga mit 99 Jahren in ihrem Haus in Stepen/Stepien liebevoll umarmt von ihrem Enkel, dahinter ihr Sohn


Um Stepen in den Kreis der Nachbarn um Neustettin aufzunehmen, erhielt ich von Walter Mertins, ehemaliger Stepener, seine "Erinnerungen an Stepen" zur Verwendung auf dieser Homepage.
Zur Gegenüberstellung "alt-neu" benötigte ich noch aktuelle Fotos aus dem Ort - also hinfahren!
Walter Mertins gab mir noch den Rat: "Wenn du nach Stepen fährst, dann besuche doch Olga, eine ehemalige Deutsche, sie wird bald 100 Jahre alt und sie weiß viel über Stepen - du brauchst keine Adresse, Olga kennt dort jeder!"
In Stepen/Stepien angekommen, fotografierte ich gerade die Kirche und die gegenüberliegende ehemalige Schule, als sich ein junger Mann näherte; ich fragte ihn auf Deutsch: "Wo wohnt Olga?" "Olga ist meine Oma, komm' in unser Haus!"
Olga empfing uns in der guten Stube und schon hatten meine Frau und ich Tee und Gebäck vor uns stehen.
Olga schwelgte sofort in Erinnerungen und freute sich sehr, nochmal deutsch sprechen zu dürfen, was sie mehrfach betonte. Eine Schachtel Pralinen aus Deutschland versüßte den Abschied bei Olga; sie bat uns, im nächsten Jahr doch wiederzukommen - diesen Gefallen werden wir der betagten Dame gerne tun.